Ich brauchte oder bräuchte mal einen Konjunktiv von brauchen

Für Wolf Schneider, Verfasser einflussreicher Bücher wie „Deutsch für Profis“, ist die Sache klar: Der Ausdruck „bräuchte“ sei ein falscher Konjunktiv. Das Verb „brauchen“ werde konjugiert wie „rauchen“. „Ich räuchte“ sagt nun wirklich keiner. Auch ältere Duden-Ausgaben nennen „bräuchte“ ausdrücklich als Fehler.

Warum aber ist „bräuchte“ dann weit verbreitet? Neuerdings wird die Bildung seitens der Duden-Redaktion als „umgangssprachlich“ akzeptiert – man hat manchmal den Eindruck, das macht der Duden gerne, wenn er sich nicht sicher ist, ob eine bislang als falsch verpönte Ausdrucksweise nicht doch okay ist. Auf diese Weise ist die Redaktion erst mal aus der Zwickmühle. Vielleicht sollte sie die Richtigkeit künftig in Prozent angeben …

Meine Vermutung ist: Der Ausdruck „bräuchte“ ist eine unregelmäßige Bildung, die sich weitgehend durchgesetzt hat, weil sie einen praktischen Zweck erfüllt. Das wird deutlich, wenn man einen Vergleich mit der unbestritten richtigen, regelmäßigen Konjunktivform anstellt.

Nehmen wir folgenden Dialogfetzen. Ein Angestellter wendet sich an seinen Chef, weil sein Arbeitsvertrag bald ausläuft:

„Ich bräuchte das Arbeitszeugnis recht bald.“

Natürlich könnte der von Arbeitslosigkeit bedrohte Angestellte auch „Ich brauche“ sagen. Er greift jedoch zum Konjunktiv, um höflicher zu wirken, schließlich hat der Chef eine gewisse Macht inne.

Würde er jedoch den im klassischen Sinn korrekten Konjunktiv verwenden, hieße es:

„Ich brauchte das Arbeitszeugnis recht bald.“

Man sieht den Haken: Der Konjunktiv ist identisch mit dem Präteritum. Die Verbform „brauchten“ ist sehr häufig, und fast immer bezeichnet sie die Vergangenheit. Hier jedoch bezieht sie sich auf die Zukunft. Verwirrend, fast eine Stilblüte. Vermeiden ließe sich dies durch die Hilfsform mit „würde“, die man ja einsetzt, wenn sich der Konjunktiv mit dem Indikativ deckt.

„Ich würde das Arbeitszeugnis recht bald brauchen.“

Auch merkwürdig, nicht wahr? Wer spricht denn so? Hier glaubt man einen Irrealis herauszuhören, als ginge der Satz weiter: „Ich würde das Arbeitszeugnis recht bald brauchen, wenn es wichtig wäre. Aber ich habe schon einen Vertrag bei der Konkurrenz unterschrieben.“

Das meint der Angestellte aber nicht. Er verwendet den Höflichkeitskonjunktiv (wie in „Ich hätte gerne ...“).

Dafür ist die vermeintlich falsche Konjunktivform „bräuchte“ hier die am wenigsten missverständliche Wahl. Deswegen hat sie sich durchgesetzt, nicht, weil die Leute schlampig mit der Grammatik umgehen; das tun zwar viele, es ist hier aber nicht ausschlaggebend. Wenn in schriftlichen Äußerungen keine Verwechslungsgefahr mit dem Präteritum besteht, ist allerdings weiterhin „brauchten“ vorzuziehen.

dml


Name (wird nicht veröffentlicht):
E-Mail (wird nicht veröffentlicht):
Website (optional):
Ihr Kommentar:
Sicherheitsfrage (gegen Spam): Wie viel ist 7 plus 5?

Kommentare:

Bitte Ihren Namen angeben Bitte Ihre E-Mail-Adresse angeben


Über dieses Blog / Weitere Themen


Diese Seite merken:

delicio.us   Yigg   Linkarena


Startseite Lektorat

Lektorat Preise