Brave new words: Rudelgucken und Public Viewing

Den Einzug des Ausdrucks „Public Viewing“ ins Deutsche verdanken wir im Wesentlichen der Fußball-WM 2006, das Synonym (siehe jedoch unten) „Rudelgucken“ einer Aktion des WDR-Senders 1Live. Im Vorfeld der WM ging es schlicht um die öffentliche Übertragung der Spiele auf Großbildleinwänden. Eine schöne Sache, wie sich zeigte, fragt sich nur, warum es nicht bei der schnörkellosen deutschen Ausdruckweise blieb. Im Prinzip gibt es drei Gründe: Erstens, weil man sich bei diesem nun wirklich internationalen Ereignis mit Gästen aus aller Welt naturgemäß gehäuft der Weltsprache Nr. 1 bediente; zweitens, weil die mit den Werbekonzepten beauftragten Agenturen ohnedies einen Hang zum Englischen haben, auch wenn es dafür nicht den geringsten Grund gibt; drittens, weil man eine Art Markenzeichen schaffen wollte.

Letzteres ist bis zu einem gewissen Grad gelungen, auch wenn dies vermutlich weniger dem Durchschnittsdeutschen eher schwer über die Lippen gehenden Ausdruck als dem geradezu undeutschen (und unenglischen) Wetter im Sommer 2006 sowie dem ebenfalls unerwartet guten Spiel der deutschen Mannschaft zu verdanken war. Bei Dauerregen und einem Aus in der Vorrunde hätte der Anglizismus – unabhängig davon, was man sonst von ihm hält – wohl keine Chance gehabt. Ein schönes, anschauliches Beispiel dafür, wie sehr Sprachentwicklung von gänzlich außersprachlichen und zudem unvorhersehbaren Faktoren abhängen kann.

Anders verhält es sich mit dem vermeintlichen Synonym „Rudelgucken“. Da die Radiomacher von 1Live ihre Aktion begründeten, wissen wir etwas über ihre Absichten. „Public Viewing“ sei wichtigtuerisch und schwer auszusprechen. Außerdem, so könnte man hinzufügen, war es ein Versuch, die Hörer einzubeziehen und somit etwas für deren Bindung an den Sender zu tun.

Die Versuche, deutsche Entsprechungen für fremdsprachige Ausdrücke zu finden, haben eine lange, wechselvolle Geschichte, die hier nicht diskutiert werden kann. Die meisten blieben erfolglos, doch gibt es durchaus zahlreiche Erfolge der Eindeutscher (der Begriff Sprachpurist bedeutet nicht dasselbe). Bei vielen Versuchen hat sich die Sprachgeschichte so entwickelt, dass die deutschstämmigen Ausdrücke die Fremdwörter nicht verdrängten, sondern ergänzten, Beispiel: Anschrift für Adresse.

Häufig jedoch bedienen die Synonyme nicht die gleiche Klientel; kein Wunder: Sie sind ja gerade geschaffen worden, um entweder einen fürs einfache Volk verständlicheren Ausdruck zu finden oder um sich nationalistisch beispielsweise von „welschen“ Wörtern abzugrenzen. Solchen Bemühungen ist es übrigens geschuldet, dass die Perrons auf Bahnhöfen heute Bahnsteige heißen.

„Rudelgucken“ nun ist zwar als Alternative zu „Public Viewing“ gedacht, doch hier ist der Unterschied in der Intention der jeweiligen Schöpfer (es sind ja beides – im Deutschen – Neologismen) von vornherein deutlich. Nationalistischer Umtriebe ist der WDR im Allgemeinen nicht verdächtig, hier war eher ein Misstrauen gegenüber der Werbesprache – was Journalisten gut zu Gesicht steht – und vermutlich interne Kritik der Moderatoren an dem Zungenbrecher ausschlaggebend. Hinzu kommt eine gewisse Affinität, wenn nicht Anbiederung, an die Jugendsprache, die der Klientel des Senders geschuldet ist.

Zugleich bedeuten die Ausdrücke auch schlicht nicht dasselbe: „Public Viewing“ ergibt sich aus der Veranstalterperspektive, es geht um das Präsentieren im öffentlichen Raum. „Rudelgucken“ beschreibt hingegen die Zuschauerperspektive, das Gemeinschaftserlebnis, um dessentwillen man sich an einen (ansonsten im Verhältnis zum Fernsehsessel meist ziemlich unbequemen) Ort begibt – ob dieser nun ein öffentlicher oder privater Raum ist, bleibt Nebensache. Und natürlich ist „Rudelgucken“ salopp; und zwar auch dann, wenn man die Assoziation „Rudelbumsen“ für Gruppensex außen vor lässt. Letzteres ist freilich ein Hindernis für die Verwendung des „Rudelguckens“ in biederen/seriösen Blättern. Aber die können ja immer noch auf öffentliche Übertragung zurückgreifen oder sich selbst was ausdenken.

Es gibt Gründe zur Vermutung, dass der Ausdruck „Rudelgucken“ – und zwar auch ohne die Mitwirkung des DUDEN – vergleichsweise gute Chancen auf ein Überleben im Deutschen hat. Der Grund sind meines Erachtens erneut Journalisten, diesmal jedoch nicht allein Radiomoderatoren mit Code-switching-Problemen, sondern Printjournalisten, die (im Sommerloch unverhältnismäßig lange) Artikel über öffentliche Übertragungen schreiben und „Rudelgucken“ als Mehr-oder-weniger-Synonym zum „Public Viewing“ benötigen. Und auch in Schlagzeilen macht es sich nicht schlecht, wir sind ja nicht im heiligen Politik-Mantel, sondern beim Vermischten, im Sport- oder Lokalteil.

dml


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