Deutsch als „Killersprache“

Ich hatte bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass Lamentationen über das Deutsche als „aussterbende Sprache“ im Allgemeinen nicht wörtlich zu verstehen sind (falls im Einzelfall doch, sind sie wenigstens für die nächsten Jahrzehnte nicht ernst zu nehmen). Während jedoch ein Bedeutungsverlust des Deutschen durchaus feststellbar ist und kulturpolitische sowie möglicherweise auch ökonomische Relevanz hat, sollte einmal angemerkt werden, dass das Deutsche auch die Rolle einer „Killersprache“ einnehmen kann und eingenommen hat.

Zum Begriff: Im Duden steht er nicht, ist aber durchaus im Netz zu finden. Zwar fragt Google charmanterweise nach, ob man vielleicht „Kiffersprache“ meine, stellt aber dennoch eine erkleckliche Zahl von Fundstellen bereit, die sich – wen wundert es – vor allem aufs Englische beziehen, darunter durchaus auch von Sprachwissenschaftlern formulierte Texte. Es handelt sich um keinen linguistischen Fachausdruck, sondern um einen plakativen Begriff, der ein Phänomen drastisch beschreibt: Gemeint ist in unserem Zusammenhang das Verdrängen sehr kleiner Sprachen durch eine wesentlich größere. „Größe“ bezieht sich hier nicht allein auf die Sprecherzahl, sondern auch auf den Verschriftlichungsgrad, die mediale Präsenz, allgemein die kulturelle Hegemonie und die mit der Sprache/Sprechergemeinschaft verbundene ökonomische Stärke. Nicht einbeziehen würde ich den Sprachtod durch Genozid – da morden Menschen, solche Verbrechen werden zwar häufig von einem diskriminierenden Sprachgebrauch/-missbrauch begleitet oder u. a. mit Hilfe eines solchen vorbereitet, dieser Missbrauch ist aber von der natürlichen Sprache an sich, in der er betrieben wird, strikt zu unterscheiden (Beispiel Nazi-Jargon vs. das Deutsche allgemein).

Es geht hier um harmlosere, doch keineswegs belanglose Fälle: Kleine Sprachgemeinschaften übernehmen allmählich die Sprache eines großen Nachbarn. Die UNESCO weist auf etliche bedrohte Sprachen hin, darunter auch mehrere, die zurzeit vom Deutschen verdrängt werden. Beispiele sind:

  • Nordfriesisch und Saterfriesisch
  • (Ober- und Nieder-)Sorbisch
  • Rätoromanisch
So weist die Schweizer Volkszählung einen Rückgang der Sprecher des Rätoromanischen als Hauptsprache um mehr als 11 Prozent allein zwischen 1990 und 2000 aus. Die Entwicklung setzt einen seit langer Zeit zu beobachtenden Rückzug der Sprache fort – einen Rückzug, dem das Vordringen des Schweizerdeutschen im Mündlichen und zugleich der deutschen Schrifthochsprache entspricht. Ursache sind weder bewaffnete Konflikte noch eine Diskriminierung des Rätoromanischen, in jüngerer Zeit noch nicht einmal eine indirekte durch Nicht-Förderung. Ursache ist schlicht die Dominanz des (Schweizer-)Deutschen.

Ähnliches gilt für die anderen in obiger Liste genannten Sprachen. Beim Friesischen übernahm lange Zeit das Niederdeutsche die Rolle des Schweizerdeutschen gegenüber dem Rätoromanischen, mittlerweile ist es das Hochdeutsche, das durch seine schiere Omnipräsenz nicht nur das Friesische dominiert, sondern zugleich auch den ersten Friesisch-Killer, das Platt, verdrängt.

Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass diese Überlebenskämpfe kleiner Sprachen sowohl in der deutschen Gesellschaft als auch international – trotz rühriger Bemühungen nicht nur der UNESCO – letztlich eine geringe Rolle spielen: Es sind einfach zu wenige Leute betroffen. Umso durchdringender sind jene Stimmen, die eine angebliche oder tatsächliche Bedrohung etwa des Deutschen oder Französischen durch das Englische beklagen. Warum sind diese Rufe lauter? Weil sie in großen Sprachen mit einem entsprechend großen Resonanzraum vorgetragen werden. Allein die diversen Vereine und Institutionen zur Förderung des Deutschen haben weit mehr Mitglieder als Nordfriesisch und Saterfriesisch zusammengenommen Sprecher.

Hieraus folgt freilich nicht, dass das Deutsche, das in der Vergangenheit bereits das Altpreußische (Prußische), eine baltische Sprache, vertilgt hat, nicht irgendwann tatsächlich selbst verdrängt wird – siehe die Rolle des Niederdeutschen in Friesland. Eine solche Entwicklung liegt jedoch so weit in der Zukunft, dass nicht gesagt werden kann, ob das Englische oder nicht eine andere Sprache, vielleicht sogar eine, die es noch nicht gibt oder an die zurzeit kaum einer denkt, die Rolle der Killersprache übernimmt. Wer hätte vor dem Scheitern der Armada (oder selbst noch ziemlich lange danach) prophezeit, dass Englisch einmal die Weltsprache Nr. 1 werden würde?

dml


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Antonius Re. schrieb:

Das „Pälzersche\" ist eine noch heute nachweis- und erlebbbare Sprachinsel, gesprochen von Immigranten in das preußisch geprägte Gelderländische, am Niederrhein nördlich von Goch im Kreis Kleve, in Pfalzdorf. Es ist mund- und umgangssprachlich noch bemerkbar, wenn auch nicht als Dialekt intakt. Schriftsprachliches kenne ich nicht. Alle jungen Menschen sind spätestens eit 1945 integriert in die hochdeutsche Schul- und Sprachennorm. \"Killerspache\" als hochdeutsche Funktion ist hier nicht gegeben. die Hochssprache erfolgt als normale, als vorteilhaft erlebte Sozialisationsübernahme. Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Pf%C3%A4lzische_Sprachinsel_am_Niederrhein

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