Kommt „gaucken“ wieder? – Präsidenten und ihre VerbenJa, es hat sich ausgewulfft. Zuvor wurde ein Anrufbeantworter vollgewulfft, der eine oder andere Gratisurlaub erwulfft, versucht, die Affäre auszuwulffen. Zuletzt ist der Bundespräsident durch zu viele negative Schlagzeilen geradezu aus dem Amt gewulfft worden. Christian Wulff hat sich sein Verb erst in seiner Amtszeit als Bundespräsident verdient, auch wenn die Aktivitäten, die gemeint sind, etwa das kostenlose oder reduzierte Mitnehmen von Leistungen, im Wesentlichen vor seiner Zeit im Schloss Bellevue stattfanden. Die Ausnahme bildet das „Vollwulffen“ des Anrufbeantworters von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann zu Beginn der Affäre. Joachim Gauck ist daher Wulff auch, was das Potenzial zur unfreiwilligen Wortschöpfung betrifft, um Längen voraus: Bereits Anfang der 1990er Jahre machte der Ausdruck „gaucken“ die Runde, etwa in Formulierungen wie: „Bist du schon gegauckt worden?“ Gauck war zu dieser Zeit bekanntlich Leiter einer Stasi-Aufarbeitungs-Behörde mit einem ellenlangen, bürokratisch klingenden Namen. (Könnten Sie ihn auswendig vollständig hersagen?) Der Einfachheit halber wurde sie im Volksmund Gauck-Behörde genannt. Darauf basierte auch das Wort „gaucken“. Das Verb hatte, ebenso wie „wulffen“, mehr als eine Bedeutung. Die beiden Aspekte hängen im Fall des „Gauckens“ jedoch eng zusammen; „gaucken“ stand entweder für „auf mögliche Stasi-Vergangenheit untersuchen“ oder für „wegen Stasi-Vergangenheit aus dem Amt heben“. Gegauckt im ersteren Sinne wurden die meisten Menschen in den neuen Bundesländern, wenn sie ein sensibles Amt bekleiden wollten, gegauckt im zweiten Sinne wurden weit weniger Leute, bekanntermaßen wurde letztlich nicht jeder mutmaßliche IM oder Stasi-Mitarbeiter weggegauckt. Indessen war „gaucken“ vor allem in der zweiten Bedeutung eine gefürchtete Vokabel. Der Schriftsteller Thomas Brussig erinnerte sich 20 Jahre später: „Das war ein scharfes Urteil, das Wort rauschte runter wie ein Fallbeil. Etwa wie in den 80ern die Diagnose ‚HIV positiv‘. Wenn jemand gegauckt war, dann erübrigte sich jede Diskussion. Der konnte gehen.“ Der Namenspatron war von der Verbbildung ähnlich wenig angetan wie Christian Wulff von seinem Neologismus sein dürfte. „Darüber bin ich weder glücklich noch stolz, denn es ist keine Bereicherung“, sagte er 1996. Die Verbreitung der Vokabel nahm in späteren Jahren ab. Ausschlaggebend hierfür war nicht die Übernahme des Amtes durch Marianne Birthler – man hätte nun „birthlern“ können –, sondern der Rückgang der Fälle des öffentlichen Enttarnens von Stasi-Vergangenheit. Verben wie „gaucken“ und „wulffen“ brauchen das Rampenlicht als Lebenselixier. Immerhin meldete der MDR noch im November 2011: „Das Gaucken geht weiter.“ Gemeint war: Mitarbeiter im öffentlichen Dienst können noch bis 2019 auf eine frühere Tätigkeit für die Staatssicherheit überprüft werden. Es bleibt die Frage, ob „gaucken“ eine unverhoffte zweite Chance erhält. Denn es kommt durchaus vor, dass Wörter in der Sprachgeschichte nach Jahrzehnten des Dahindämmerns noch einmal Karriere machen. Ein Beispiel ist das Adjektiv „geil“. Im späten 18. Jahrhundert war es unter wohlanständigen Sprechern und Schreibern weit verbreitet – in der Bedeutung „üppig wuchernd“ (bei Pflanzen). Nach dem Abstieg in die Schmuddelecke als Bezeichnung für „sexuell erregt“ erfuhr es in der Jugendsprache einen erneuten Aufstieg und nahm häufig den Platz ehemals beliebter Ausdrücke wie „toll“ (oder gar, lang ist’s her, von „dufte“, „knorke“ und Ähnlichem) ein. Hat „gaucken“ womöglich Zukunft in neuer Bedeutung? Dem vielfältigen Lob auf den designierten Präsidenten folgte im Internet eine rasant anschwellende Woge der Kritik. „Freuen wir uns auf fünf Jahre rechtskonservative Hetze“, schrieb ein Blogger via Twitter. Da liegt es eigentlich nahe, die Kontroverse linguistisch aufzuarbeiten. Freunde Gaucks könnten mit „gaucken“ zum Beispiel „unbequem, aber aufrichtig reden“ meinen, seine linken Kritiker hätten die Wahl, „gaucken“ als „neoliberal daherschwafeln“ oder ähnlich zu definieren. „Gaucken: Ermutigung, Freiheit in Verantwortung zu nutzen“, meinte schon 2010 via YouTube ein Anhänger der ersten Präsidentschaftskandidatur Gaucks. Oft aufgerufen wurde das Video seither nicht, doch auch das große Wulffen hat mit einem einzigen Anruf begonnen. Quellen: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1064646/ http://books.google.de/books?id=nwzq-xXllkAC&pg=PA128&lpg=PA128&dq=gaucken&source=bl&ots=cWKkn0RyXE&sig=4gkDDKWR2BeRHa8GcYUA3vXTvLU&hl=de&sa=X&ei=pChNT8q5M4v5sgaTkITKDw&ved=0CEEQ6AEwAw#v=onepage&q=gaucken&f=false http://www.mdr.de/nachrichten/stasiunterlagen100.html http://www.youtube.com/watch?v=bqXp7YG3vrs (Vollständiger Name der Behörde: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)) dml
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