Prägt Sprache das Denken?

Der alte Streit ist vor kurzem durch neue Publikationen wieder in den Fokus gerückt. Eine Zusammenfassung findet sich unter http://www.zeit.de/2005/01/B-Sprache.

Beim Lesen des Textes könnte man meinen, das die von dem Linguisten gefundenen Ergebnisse eindeutige Belege für die Auffassung, dass Sprache das Denken wesentlich präge, seien. Jedoch leuchtet die in dem Text aufgebaute binäre Opposition (klarer Gegensatz) so nicht ohne Weiteres ein.  
Warum sollten sich Prägung durch die Umwelt und durch die Sprache gegenseitig ausschließen? Kann sich nicht vielmehr die Umwelt zugleich auf Sprache und Denken auswirken, wenn auch nicht unbedingt zeitgleich und in ähnlicher Weise?
Wer kann aufgrund der – beeindruckenden – empirischen Belege im Übrigen zweifelsfrei sagen, ob nun die Sprache das Bewusstsein ihrer Sprecher prägt oder ob die sprachlichen Äußerungen lediglich Ausdruck einer tiefer liegenden kulturellen Tradition sind?
Um dies zu entscheiden, müsste man mehr über die Art und Weise wissen, wie z.B. Eltern ihren Kindern die Orientierungsweise beibringen oder wie sich etwa Taubstumme in den jeweiligen Kulturen orientieren.
Ob jene kulturelle Erbschaft nun ihrerseits von der Umwelt – evtl. jener der Vorfahren – abhängt oder eher zufällig entstanden ist, wäre eine sekundäre Frage.
                                                                             
Die vom Verfasser des ZEIT-Artikels mit kulturhistorischer Beflissenheit aufgeworfene These, dass Menschen aus solchen „Himmelrichtungs-Kulturen“ letztlich ein anderes Selbstbild haben, sich also nicht als das „Maß aller Dinge“ ansehen, ist ein noch weiter führendes Problem. Anlass zur Skepsis ist gegeben. Als westliche Seefahrer anfingen, sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren, war dies schlicht überlebensnotwendig, denn mit „rechts“ und „links“ kommt man nicht sicher über den Atlantik, nicht einmal über die Nordsee. Aber heißt dies, dass die Seeleute weniger „anthropozentrisch“ dachten als die Bauern oder Handwerker des gleichen Kulturkreises? Wohl kaum.

Die Unterstellung, dass „Himmelrichtungs-Kulturen“ weniger den Menschen in den Mittelpunkt stellen, erinnert allzu sehr an die beliebten, zum großen Teil längt widerlegten Legenden um diverse Indianerstämme mit angeblich völlig anderen Zeitbegriffen oder Eskimos mit soundso viel Wörtern für Schnee.

Die Linguistik hat sich in der Vergangenheit bei solchen Fragestellungen mehrfach selbst widerlegen müssen, mit dem ernüchternden Ergebnis, dass eine Sprache an sich über die Menschen, die sie verwenden, oftmals weit weniger verrät als erwartet. Was nicht heißen soll, dass sie gar nichts aussagt. Nur muss man sich vor Überinterpretationen hüten. Wenn der Mond im Französischen grammatikalisch weiblich und im Deutschen männlich ist, bedeutet das eben noch lange nicht, dass unsere Vorfahren unterschiedliche Vorstellungen über Geschlechterverhältnisse, die Gestirne oder sonst was hatten, geschweige denn, dass etwaige historische Unterschiede heute noch eine Rolle spielen. 

 
dm


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