Dürfen Lektoren „lektorieren“?

Komische Frage, oder? Indessen geht es nicht um ein Berufsverbot, vielmehr haben wir es mit einem angeblichen „Unwort“ zu tun. Kürzlich meinte ein Kollege, obwohl das Wort im Duden stehe, „lektoriere“ er nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr unbefangen, nachdem er auf bestimmte Überlegungen stieß.

In dem betreffenden Text (die Originalquelle wurde nicht genannt) hieß es:

„Für mein Sprachempfinden gibt es im Deutschen Verben, die (wohl mit einem Umweg übers Französische) auf lateinische Verben zurückgehen oder mit ihnen verwandt sind: dirigieren (dirigere), diktieren (dictare), lesen (legere), redigieren (redigere), regieren (regere), agitieren (agitare), agieren (agere), korrigieren (corrigere) etc. pp.

Der ‚Lateiner‘ hatte nun die Möglichkeit, aus solchen Verben ein Substantiv zu bilden, das jemanden bezeichnet, der die vom jeweiligen Verb beschriebene Tätigkeit ausübt. Diese Wortbildungen wurden (als Fremdwörter) ins Deutsche übernommen. So ist ein Direktor jemand, der dirigiert. Ein Diktator diktiert, ein Redakteur (hier gibt’s nur eine französische, keine lateinische Substantivbildung) redigiert, ein Rektor regiert, ein Agitator agitiert, ein Akteur agiert, ein Korrektor korrigiert usw. usf.“

„Sprachlich völliger Schwachsinn“ sei es nun, aus diesen von Verben abgeleiteten Substantiven wiederum Verben zu bilden: „Genau das macht man aber bei ‚lektorieren‘. Eigentlich ist ein Lektor jemand, der liest (von legere). Wenn man daraus ein Verb lektorieren ableitet, ist das quasi doppelt gemoppelt: ein Verb aus einem Substantiv, das aus einem Verb entstand. Genauso gut könnte man dann auch Verben wie korrektorieren, diktatorieren, editorieren, agitatorieren o. Ä. bilden. Grausig, oder?“

Soweit die Quelle. Irgendwie logisch, könnte man meinen – aber nur irgendwie.

Man darf aus Verben Substantive ableiten, man darf aus Substantiven Verben ableiten. Wer sagt, dass es verboten ist, aus dem substantivierten Verb ein neues Verb abzuleiten, zumal, wenn es a) in einer anderen Sprache geschieht und b) dabei eine neue Bedeutung entsteht? Beides ist bei „lektorieren“ der Fall.

Allenfalls könnte man von mangelnder Ökonomie sprechen, weil man ja auch direkt aus „legere“ „legieren“ herleiten könnte. Aber auch diese Argumentation trägt nicht, weil jenes Wort bereits anderweitig besetzt ist (eine Legierung herstellen; binden). Natürlich wäre es theoretisch möglich, „legieren“ die dritte Bedeutung „als Lektor bearbeiten“ zuzuweisen, aber wer will das wirklich? Mir ist niemand bekannt, der diese Zuschreibung praktiziert oder auch nur für wünschenswert hält. Und selbst wenn es einzelne Verwendungen dieses Begriffs gäbe, hieße es noch lange nicht, dass er sich auch in der Sprachgemeinschaft durchsetzt. Eher wäre das Aufkommen von unfreiwilliger Komik zu erwarten („Ich legiere das Buch.“ – „Mit Ei oder mit Zink?“).

Also viel Spaß beim weiteren Lektorieren. Wer den Begriff aus subjektiven Gründen, die jedem zugestanden sind, nicht mag, muss ihn ja nicht verwenden.

dml

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NAME: Antonius Re. Dr. Konrad Duden bot 1880, ohne Bedeutungserklärung, den \"Lektor\" an, in seinem \"Vollständigen Orhographischen Wörterbuch der deutschen Sprache\" [übrigens ohne \'deutsch\' groß zu schreiben]. [Leipzig 1880. S. 100) Er setzte also die Semantik/Pragmatik dieses Lehnworts als bekannt voraus. - Es fehlte natürlich noch die gendergerechte \"Lektorin\", ähm. - Eine Seite zuvor fand ich - überraschend - \"den Lecker\" mit Zusatz: \"Feinschmecker\". In der Fress-Journaille könnte man also einen \"Lecker-Lektor\" kreieren, wenn man 120 Jahr Sprachwandel ignorieren wollte. - Aber das \'Leckermaul\' blieb uns erhalten, ohne das Sprachmeister Duden es zu lektorieren für nötig befand.

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