Ach, Ursprache …

… seit Jahrhunderten verbirgst du dich vor den neugierigen Blicken der Sprachforscher. Bis zum Proto-Indoeuropäischen (früher: Ur-Indogermanisch) sind sie gekommen, dann jedoch blieb es finster; den Paläontologen gelangen Einblicke in die Zeit der Dinosaurier, den Astrophysikern gar bis zur Frühphase des Universums, doch den Linguisten blieb ein vergleichbarer Durchbruch versagt. Wen wundert es, dass immer wieder einzelne Forscher von sich reden machen (wollen), indem sie behaupten, wenigstens Rudimente jener geheimnisvollen Sprache gefunden zu haben – wenn es sie denn gab. Denn logischerweise ist, solange nicht Klarheit über den Charakter jenes vermuteten Phänomens besteht, auch nicht gesagt, dass es überhaupt jemals eine einheitliche Sprache gab und sich nicht mehrere unabhängig voneinander entwickelt haben.

Vor kurzem trat der neuseeländische Psychologe Quentin Atkinson an prominenter Stelle, in der angesehenen Zeitschrift Science, mit einer interessanten Theorie auf: Anhand des Vergleichs des Phoneminventars (Zahl und Arten der Laute) von Sprachen will er herausgefunden haben, dass der Ursprung der Sprache – ebenso wie der der Menschheit in biologischer Hinsicht – in Afrika zu finden sei (ausführliche Zusammenfassung siehe hier ). Der Grund: Je weiter Sprachen vom vermuteten Ursprungsgebiet entfernt seien, desto kleiner sei das Inventar an Phonemen – genauer: an Vokalen.

Er stützt seine Studie auf den Gründereffekt. Mit diesem Begriff bezeichnet man in der Genetik die Erfahrung, dass eine kleine Population, die sich von einer größeren abspaltet, eine geringere genetische Variation aufweist. Atkinson überträgt diese Auffassung von Genen auf Phoneme.

Eigentlich eine bestechende Argumentation, die jedoch einen großen Haken hat: Die von ihm ermittelten Resultate stützen seine Hypothese nur zum Teil. Die Regel scheint nur für Vokale zu gelten, nicht für Konsonanten. Skepsis ist somit angebracht, schon deshalb, weil Atkinson Daten-Rosinenpickerei betreibt. Warum sollte ein Gesetz für Vokale gelten, jedoch nicht für Konsonanten? Zudem gibt es in Sprachen in der Regel wesentlich mehr Konsonanten als Vokale, so dass der die Theorie stützende Datenpool kleiner ist als der sie nicht stützende – oder sollten wir gleich sagen: der sie widerlegende?

Hinzu kommt, dass bislang keineswegs geklärt ist, ob die Übertragung von biologischen Regeln auf die Linguistik grundsätzlich zulässig ist. Im Zweifelsfall ist eine solche Argumentation eher zu vermeiden; schon innerhalb der Biologie wird es gefährlich, wenn versucht wird, etwa bei Verhaltensregeln von einer Art auf eine andere zu schließen.

Es bleibt vorerst dabei: Der Ursprung der Sprache liegt im Dunkeln. Spekulieren bleibt erlaubt, nur sollte man solches nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verwechseln.

dm


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