Die Angst vor der Beugung

Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, heißt es bei Molière. Überall herumgesprochen hat sich das freilich nicht. Es gibt eine verbreitete Hemmung, Eigennamen und bestimmte Fremdwörter zu deklinieren. Man liest von der „Verbreitung des Internet“ und den Leistungen des „Arbeitskreis Genitivschwund“ (o. k., Letzterer ist fiktiv, doch man sollte ihn gründen). Warum eigentlich? Es gab die Flöte Friedrichs des Zweiten und die Pracht Augusts des Starken. Lauter gebeugte Königsnamen.

Richtig ist, dass in bestimmten Fällen ein gewisser s-Schwund bei Eigennamen zu verzeichnen ist. So heißt es im „Duden – Richtiges und gutes Deutsch“, 7. Aufl. Mannheim 2011:

„Familien-, Personen- und Vornamen mit vorangehendem Artikelwort bleiben ohne Flexionsendung. Der Kasus wird durch das Artikelwort angezeigt:
die Partie des Lohengrin, der Pass des Anton Meyer, das Leben des heiligen Gregor des Großen, die Werke eines Schiller, die Bilder des jungen Dürer, ein Gemälde des älteren Holbein.“

Doch wie hieß noch gleich der Erfolgsroman des jungen Goethe[s]? „Die Leiden des jungen Werther“ oder „Die Leiden des jungen Werthers“?

Antwort: Es gibt beide Fassungen. Ursprünglich (1774) hieß der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, bei der Neuausgabe 1787 entfiel das Genitiv-s. Von wegen der Dativ ist dem … usw. Goethe – der Genitivkiller!

Die zitierte Duden-Regel gilt indessen wirklich nur bei „Familien-, Personen- und Vornamen mit vorangehendem Artikelwort“. Für Ortsnamen und Personennamen ohne Artikel ist weiterhin die s-Endung obligatorisch: die Größe Berlins, Peterchens Mondfahrt.

Bei erst vor kurzem ins Deutsche eingebürgerten Fremdwörtern bestehen Zweifelsfälle und Übergangserscheinungen. So stellt der Duden zurzeit bei „Service“ (engl., Dienstleistung, nicht frz., Geschirr) die s-Endung im Genitiv frei, für „Management“ hingegen wird sie verlangt. Grund dürfte sein, dass „Service“ in der Aussprache auf „s“ endet, in der Schreibung hingegen nicht. Schwach bis gar nicht ins Deutsche integrierte Ausdrücke wie „Service Point“ (bei der Deutschen Bahn mangels Popularität wieder abgeschafft, bei Kleinunternehmen durchaus noch vorhanden) bleiben zumeist im Genitiv ohne „s“.

dml

Name (wird nicht veröffentlicht):
E-Mail (wird nicht veröffentlicht):
Website (optional):
Ihr Kommentar:
Sicherheitsfrage (gegen Spam): Wie viel ist 7 plus 5?

Kommentare:

Bitte Ihren Namen angeben Bitte Ihre E-Mail-Adresse angeben

Ähnliche Themen:

Dürfen Lektoren „lektorieren“?
Wulff-Variationen: wulffen, vollwulffen, auswulffen und weitere


Über dieses Blog


Diese Seite merken:

Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen   delicio.us   Yigg   Linkarena


Startseite Lektorat

Lektorat Preise

Korrekturlesen